Es deutete sich schon bei einigen Ereignissen, wie dem Terror-Anschlag in Mumbai, an, dass Web 2.0-Dienste langsam aber sicher zu den ganz großen News-Quellen werden. Vorne Weg geht, der in Deutschland relativ unbekannte Micro-Blogging-Dienst Twitter. Mit nur 140 Zeichen können Augenzeugen eines Ereignisses ihre Eindrücke in Echtzeit mit der Welt teilen. Dabei werden traditionelle Medien besonders in autoritären Regimen überholt.Bestes aktuelles Beispiel sind die anhaltenden Demonstrationen im Iran nach der Präsidentwahl. Nach Zweifeln an der Richtigkeit des Wahlergebnisses des Amtsinhabers Ahmadinedschad tragen die iranischen Bürger ihren Protest landesweit auf die Straßen. Die Ausmaße der Demonstrationen überraschten selbst Nah-Ost-Experten wie Peter Scholl-Latour, der am Sonntag in einem Fernsehinterview noch anmerkte: "Alles halb so schlimm..."
Die Berichterstattung lief am ersten Tag der Proteste auch in gewohnten Bahnen ab: Korrespondenten zeigten sich betroffen und sagten (leider) nur die üblichen Sprüche auf, die Ihnen die Länge des Fernseh-Berichtes und die Vorgaben des Systems erlaubten. Schon zu diesem Zeitpunkt, als die westlichen Medien noch (relativ) ungestört berichteten, zeigte Twitter seine Stärke: Viele iranische Nutzer meldeten sich umgehend nach der Wahl an, um über die Ereignisse zu berichten. So kamen Follower der iranischen Twitterer an Infos heran, über die die traditionellen Medien nicht berichteten.
Montags, mit der Intensivierung des Protestes, zeigte sich auch die ekelhafte Fratze des autoritären Regimes, das zumindest in den Städten nun auch totalitäre Züge annahm: Basij-Milizen jagen auf Motorrädern Demonstranten, fallen in Universitäten ein, von ersten Schüssen und Morden wird berichtet, zumindest bei Twitter. Westliche Journalisten wurden immer weiter in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, bis am Mittwoch Hausarrest angeordnet worden ist.
Dies hatte zur Folge, dass in den Tagesthemen am Montag-Abend der ARD-Korrespondent berichtete, dass es in Teheran sehr ruhig sei. Verfolgte man zur selben Zeit Twitter, erfuhr man: Ja, in der Innenstadt vielleicht, da sich die Proteste in den Norden der Stadt verlagert hatten. Dort starben in Kämpfen mit den Revolutionsgarden und den Basij sieben Demonstranten, was sich über Twitter wie ein Lauffeuer verbreitete. Iranische und westliche Medien übernahmen dies erst Dienstag-Mittag.
Beeindruckend ist, wie die iranische Twittere der autokratischen Staatsmacht trotzen: Es gibt praktisch keine Möglichkeiten mehr mit der Welt zu kommunizieren. Mittlerweile wurde das Handynetz und praktisch das komplette Internet gesperrt. Einige wenige kommen über Satelliten-Zugang und Proxys in das Netzt, was allerdings auch erschwert wird: Polizisten sollen alle Satelliten-Schüsseln beschlagnahmen, denen sie gewahr werden.
Neue Videos erscheinen auch in regelmäßigen Abständen auf YouTube. Diese werden zwar in der Regel mit Handy-Kameras aufgenommen, dank der Handynetz-Kontrolle der Regierung müssen Sie aber erst zu einem der wenigen internetfähigen PCs gebracht werden.
Machen Twitter und YouTube den traditionellen Journalismus nun obsolet? Sicher nicht. Eine professionelle Aufarbeitung der Geschehnisse muss immer noch erfolgen, doch in Zeiten wo dies nicht möglich ist und eine Berichterstattung praktisch verhindert gemacht wird, entfalten Web 2.0-Dienste Ihre wahre Macht. Während des Terror-Anschlags in Mumbai wurde auch getwittert, aber die Medien hatten die Situation schnell unter Kontrolle und berichteten durchaus schnell und vor allem objektiv.
Im Iran müssen wir zur Zeit, wenn wir uns über die Situation informieren wollen auf das Internet zurückgreifen - genauso wie die anderen Medien auch. Aber aufgepasst: Die Twitterer sind natürlich hochgradig subjektiv - die Infos sind immer mit vorsicht zu genießen.


